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02/2010 - Krebs im Endstadium: Wie viel soll die GKV für einen Monat Leben bezahlen?

 

Die neuen gezielt gegen Krebszellen wirkenden monoklonalen Antikörper verlängern das Leben vieler Krebspatienten – oft jedoch nur um wenige Monate zu enormen Kosten. Ärzte und Gesellschaft stehen vor einem Dilemma: Sollen sie diese teure Behandlung den Krebspatienten vorenthalten, um den „Patienten“ Gesundheitssystem vor dem Finanzkollaps zu retten?

 

Die mittlere Lebenserwartung von Patienten mit metastasierten kolorektalen Karzinomen hat sich in den letzten 20 Jahren von gut einem Jahr auf rund 2 ½ Jahre verbessert. Dieser Erfolg hat zu einem enormen Anstieg der Behandlungskosten geführt, da zum einen die Patienten jetzt über erheblich längere Zeiträume Chemotherapien inklusive Zweit- und Dritttherapien erhalten, zum anderen, weil die neuen Medikamente immer teuer geworden sind. Die Darmkrebs-Behandlung mit monoklonalen Antikörpern wie Bevacizumab, Cetuximab oder Panitumumab kostet jeden Monat mehrere 1000 Euro, führt aber in den allermeisten Fällen zu keiner definitiven Heilung sondern verlängert das Leben lediglich um einige Monate.

 

Kein Wunder, dass der eine oder andere Gesundheitsökonom auf die Idee kommt, die Kosten pro zusätzlich gewonnen Lebensmonat auszurechnen und fragt, ob dieser Aufwand gerechtfertigt ist. Für eine offene Diskussion solcher Fragen ist unsere Gesellschaft aber noch nicht reif. Man zieht die „bewährte“ heimliche Rationierung über Budgets und Regresse vor. Wagen sich ärztliche Standespolitiker wie der Präsident der Bundesärztekamme, Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, mit Bemerkungen wie „die Schere zwischen dem medizinisch Möglichen und dem Bezahlbaren wird immer weiter auseinandergehen“ aus der Deckung, kommt sofort massive Kritik. Dr. Hoppe wurde sogar „Menschenverachtung“ unterstellt.

 

Zu berücksichtigen ist auch, dass wir noch viel über den optimalen Einsatz der monoklonalen Antikörper beim Darmkrebs und anderen Krebsarten lernen müssen. Laufende und künftige Studien werden zusätzliche Daten mit optimierten Dosierungsschemata und bei noch gezielterer Anwendung liefern, was – so ist zu hoffen – eine weitere Verlängerung der Überlebenszeiten ermöglichen wird.

 

Bei hämatologischen Erkrankungen haben zwei monoklonale Antikörper bereits zu größeren Fortschritten geführt: Rituximab hat innerhalb von zehn Jahren die Mortalität von B-Zelllymphomen erheblich gesenkt und Imatinib verbesserte die Prognose der chronisch myeloischen Leukämie entscheidend.

 

Auch bei frühem, HER2-positivem Brustkrebs senkte die adjuvante Trastuzumab-Therapie die Rezidivwahrscheinlichkeit – wie im Dezember 2009 auf dem San Antonio Breast Cancer Symposium berichtet wurde – um mehr als 30 %. Das bedeutet eine bedeutende Steigerung der Heilungsrate. Patientinnen mit metastasierten HER2-positivem Brustkrebs profitieren ebenfalls von Trastuzumab – sie leben einige Monate länger.

 

Wie lange die teuren Medikamente noch in vollem Umfang von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden, ist allerdings offen. Die hohen Kosten sind den Politikern schon lange ein Dorn im Auge und auch im aktuellen Koalitionsvertrag wird dieser Punkt angesprochen: Die Regierung setzt auf direkte Preisverhandlungen mit den Herstellern.

 

Die gesetzlichen Grundlagen für die sog. Überprüfung der Kosteneffektivität wurden bereits von der großen Koalition und deren rot/grünen Vorgängern geschaffen. Die deutschen Politiker zögern aber festzulegen, wie viel Euro ein Lebensjahr wert ist. Eine Weile wird der schwarze Peter sicher noch zwischen Politik, Selbstverwaltung des Gesundheitswesens (z.B. gemeinsamer Bundesausschuss), dem Institut für die Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) und den Ärzten hin und hergeschoben. Andere Länder sparen rigoroser: Großbritannien hält seinen Krebspatienten mehrere wichtige neue zielgerichtete Therapien wegen mangelnder „Kosteneffektivität“ vor.

 

Quelle: Kuhrt N. Krebstherapie – Was darf ein Monat Leben kosten? FAZ.NET vom 02.01.2010