Zytostatikaparavasate
Einige Zytostatika rufen bei akzidenteller paravenöser Applikation schwere lokale Gewebezerstörungen hervor; bei diesen Zytostatika muss daher die intravasale Gabe mit besonderer Sorgfalt erfolgen. Injektionen über eine normale Injektionskanüle sind immer zu vermeiden, eine „alte“ Venenverweilkanüle (vom Vortag) sollte nicht mehr benutzt werden. Die höchste Sicherheit bieten zentrale Venenkatheter oder implantierte Portsysteme, für eine einmalige i.v. Gabe kann eine Schmetterlingskanüle mit einer parallel laufenden schnellen Infusion genügen. Grundsätzlich sollte durch Aspiration die intravasale Lage auch während der Gabe kontrolliert werden. Bei Schmerzen, Rötung oder Schwellung während der Infusion/Injektion muss auch bei angeblich korrekter Lage sofort abgebrochen werden. Im Zweifelsfall neuen Zugang legen!
Eine Injektion in gelenknahe Venen (z. B. Kubitalvene) sollte vermieden werden, da es beim Paravasat zu Gelenkzerstörungen kommen kann; günstig sind großvolumige Venen in Unterarmmitte. Keine Punktion von Venen, in die kurz zuvor Fehlpunktionen durchgeführt wurden. Ruhe und gute Lichtverhältnisse sind unbedingt erforderlich.
Ein Paravasat-Set sollte immer griffbereit zur Hand sein! 1 x pro Jahr Weiterbildung aller Mitarbeiter.
Allgemeine Maßnahmen bei allen Zytostatika
- Bei Verdacht auf Paravasat Injektion/Infusion sofort abbrechen
- Absaugen des Paravasates durch die liegende Kanüle. Cave: Keinen Druck auf die Paravasatstelle ausüben. Entfernen der Kanüle unter Aspiration
- Bei Blasen oder großem Paravasat sollten diese mit 16er-Kanülen von allen Seiten abgesaugt werden
- Hochlagern der Extremität, Ruhigstellung
- Exakte Dokumentation des gesamten Vorganges (Foto!, Paravasat-Protokoll)
- Aufklärung der Pat. über Paravasatsymptome und Paravasatfolgen
Zusätzliche spezifische Maßnahmen bei einigen Zytostatika (Auswahl!)
Asparaginase, Bleomycin, Cyclophosphamid, Gemcitabin, MTX, Ifosfamid, Irinotecan, Topotecan (Liste nicht vollständig)
- 4 x täglich Kühlung für 1–2 Tage
Amsacrin, Doxorubicin, Daunorubicin, Epirubicin (aber nicht liposomale Anthrazykline: hier nur kühlen), Mitomycin
- umgehende lokale Applikation von Dimethylsulfoxid (DMSO 99 %) auf die Haut des gesamten Paravasatgebietes und Umgebung (4 gtt/10 cm²) 3 x tgl. für 14 d, an der Luft trocknen
- Dexrazoxan (Savene) i.v. am nicht betroffenen Arm, nicht später als 6 h nach Paravasation (!), Dosis: Tag 1 und 2 1.000 mg/m², Tag 3 500 mg/m². Bei Gabe von Dexrazoxan keine lokale DMSO-Anwendung. Preis für eine 3-tägige Behandlung 11.858 € (Apothekenverkaufspreis, abgefragt 01/2011)
- trockene Kälte (initial 1 h, danach mehrmals tgl. 15 min). Wenn Dexrazoxan gegeben wird, während und kurz nach der Infusion, aber nicht vorher.
- bei größerem Paravasat – MRT der Region und frühzeitige Exzision von Paravasathöhlen (plastische Chirurgie)!
- keine Kortikoide, kein Na-Bikarbonat!
Vinca-Alkaloide
- Infiltration des Paravasatgebietes mit Hyaluronidase (Hylase „Dessau”) 150–300 (bis zu 1.500) I.E. in 3,5–7 ml NaCl (kann brennende Schmerzen verursachen, Analgetika!)
- trockene milde Wärme (4 x tgl. 20 min)
- keine Kortikoide!
Gleichzeitige Paravasation von Vinca-Alkaloiden und Anthrazyklin (VAD)
- weder kühlen noch wärmen
- gleichzeitige Anwendung von DMSO und Hyaluronidase in der Literatur beschrieben
Etoposid
- einmalig trockene milde Wärme
- evtl. Hyaluronidase-Infiltration 150 I.E. in 3 ml NaCl
Dactinomycin, Cisplatin
- intermittierende trockene Kühlung (s. o.)
- DMSO lokal (s. o.)
Paclitaxel, Docetaxel
- Ruhigstellung, einmaliges Kühlen über 3 h
- Infiltration des Paravasatgebietes mit Hyaluronidase (Hylase „Dessau”) 150–300 (bis zu 1.500) I.E. in 3,5–7 ml NaCl (kann brennende Schmerzen verursachen, Analgetika!)
- Cave: Recall-Phänomen bei erneuter Applikation an gleicher Seite
Chirurgische Wundbehandlung bei Nekrosen (bei ausgeprägt gewebsnekrotisierenden Substanzen nach Paravasation plastisch erfahrenen Chirurgen frühzeitig konsultieren).
Leitlinien
De Wit M et al: ASORS Paravasate-Guidelines. Aus: ASORS (Arbeitsgemeinschaft Supportive Maßnahmen in der Onkologie, Rehabilitation und Sozialmedizin in der Deutschen Krebsgesellschaft)
Leitlinien zu speziellen Aspekten der Supportivtherapie: www.onkosupport.de
Literatur
- Mouridsen HAT et al: Treatment of anthracycline extravasation with Savene (dexrazoxane). Ann Oncol 2007; 18: 546–50
- Sehouli J et al: Zytostatikaextravasate. Onkologe 2006; 12: 73–84



